Dasselbe Rollo, dasselbe Fenster, derselbe Stoff — und ein völlig anderes Ergebnis, nur weil das eine Fenster nach Süden und das andere nach Westen zeigt. Das ist der häufigste Grund, warum ein Investor am Ende des Projekts sagt „irgendetwas stimmt nicht“, obwohl jedes Produkt für sich in Ordnung ist. Nicht das Produkt ist falsch, sondern seine Verteilung auf die Fassaden.
Dieser Leitfaden richtet sich an Planer, Ausführende und Fachhändler, die den Sonnenschutz für ein ganzes Gebäude festlegen. Wir messen nicht auf und montieren nicht — wir fertigen nach den Maßen, die der Partner schickt — und genau deshalb sehen wir täglich, welche Kombinationen funktionieren und welche als Reklamation zurückkommen, die eigentlich keine ist.
Warum dasselbe Rollo nicht auf jeder Fassade dieselbe Arbeit leistet
Die Sonne trifft nicht alle Seiten eines Gebäudes im selben Winkel und nicht zur selben Tageszeit. Drei Dinge ändern sich von Fassade zu Fassade, und jedes davon verlangt eine andere Antwort:
- Sonnenhöhe. Im Süden steht die Sonne hoch — im Sommer fällt sie mittags fast senkrecht von oben. Im Osten und Westen steht sie tief, weil sie bei Auf- und Untergang kommt. Tiefe Sonne dringt weit in den Raum ein und lässt sich durch nichts aufhalten, was über dem Fenster montiert ist.
- Dauer. Die Südfassade ist am längsten besonnt, aber am gleichmäßigsten. Ost und West bekommen einen kürzeren, dafür intensiveren Stoß — Ost am Morgen, West am Nachmittag, wenn die Luft schon aufgeheizt ist.
- Was das eigentliche Problem ist. Im Süden ist es die Hitze. Im Osten und Westen ist es die Blendung. Im Norden gibt es weder das eine noch das andere, es bleiben Sichtschutz und Optik.
Daraus folgt eine einfache Regel: Das System wird nach dem Problem gewählt, das die Fassade erzeugt, nicht nach dem Katalog. Wer diese Regel überspringt, bekommt ein Gebäude mit überall demselben Rollo — auf einer Seite überhitzt, auf der anderen dunkel, und auf der dritten sieht um drei Uhr nachmittags niemand seinen Bildschirm.
Hinweis zur Ausrichtung: Alles in diesem Text gilt für die Nordhalbkugel. Geht das Projekt in einen Markt südlich des Äquators, tauschen Süd und Nord die Rollen, Ost und West bleiben gleich.
Süd — die meiste Hitze, Außenbeschattung hat Vorrang
Die Südfassade nimmt über das Jahr die größte Menge an Sonnenenergie auf. Im Sommer ist das ein Problem, das sich in Kilowatt Klimatisierung misst, im Winter — paradoxerweise — ein Vorteil, denn die tiefe Wintersonne heizt die Räume kostenlos. Ein gutes System für den Süden muss beides können: im Sommer die Hitze stoppen, im Winter sie durchlassen.
Die entscheidende Frage ist, wo die Hitze gestoppt wird. Ein innenliegendes Rollo hält das Licht auf, aber die Wärme ist bereits durch das Glas gekommen und bleibt im Raum. Ein außenliegendes System stoppt die Sonne vor dem Glas, der Raum heizt sich also gar nicht erst auf. Der Unterschied ist nicht kosmetisch — in der Praxis entscheidet er, ob die Klimaanlage läuft oder nicht.
ZIP-Screen-System
Erste Wahl für Süd an Gewerbe- und Wohnbauten. Der Screen-Stoff in seitlichen Führungsschienen stoppt den Großteil der Sonnenenergie vor dem Glas und erhält den Blick nach draußen. Dank der Führungen hält es Wind stand, was an der Außenseite Pflicht ist, keine Option. Die Einsparungen bei der Klimatisierung sind in einem eigenen Artikel beschrieben.
Pergola über Terrasse oder Garten
Für Südterrassen, Restaurantgärten und Hotel-Außenbereiche. Eine bioklimatische Pergola mit drehbaren Lamellen schließt im Sommer das Dach und öffnet es in den Übergangszeiten — und tut damit genau das, was eine Südseite verlangt: veränderlichen Schutz.
Innenrollo mit Screen-Stoff
Wenn eine Außenmontage nicht möglich ist (denkmalgeschützte Fassade, Mietfläche, obere Geschosse ohne Zugang), ist ein innenliegendes Rollo mit Sun-Screen-Stoff ein vernünftiger Ersatz. Es stoppt die Blendung und einen Teil der Wärme, aber man sollte dem Investor gegenüber ehrlich sein: Beim Thema Überhitzung kann es die Außenbeschattung nicht ersetzen.
Ost und West — tiefe Sonne und Blendung
Ost- und Westfassade haben dasselbe Problem zu verschiedenen Tageszeiten: Die Sonne steht tief, fällt horizontal ein und trifft direkt auf Bildschirme, Tische und Gesichter. Nichts, was über dem Fenster sitzt — Vordach, Sonnenschutzlamellen, Pergola — hilft, denn die Sonne kommt nicht von oben, sondern von der Seite.
West ist von beiden die schwierigere Seite. Die Nachmittagssonne trifft eine bereits aufgeheizte Fassade und einen Raum, dessen Luft den ganzen Tag Wärme gesammelt hat. In Westbüros kommt deshalb am häufigsten die Klage „nach drei sehe ich meinen Monitor nicht mehr“ — und das ist eine Klage über Blendung, nicht über Temperatur.
Zebra-Rollos (Tag-Nacht)
Die flexibelste innenliegende Antwort für Ost und West. Die wechselnden Streifen lassen sich so verschieben, dass der Raum um drei Uhr nachmittags geschlossen und um halb fünf wieder geöffnet werden kann — ohne völlige Dunkelheit. Für Büros und Besprechungsräume auf der Westseite ist das der Typ, der am seltensten zurückkommt.
Rollo mit Sun-Screen-Stoff
Wenn Ausblick und Tageslicht Priorität haben. Der Screen-Stoff lässt die Umrisse von draußen durch, senkt die Blendung aber auf ein Niveau, das Bildschirmarbeit erlaubt. Der Verdunkelungsgrad wird nach der Raumnutzung gewählt — über die Stofftypen haben wir gesondert geschrieben.
ZIP-System außen
Wenn die Westfassade neben der Blendung auch ein Hitzeproblem hat — große Glasflächen, verglaste Säle, Büros unter einem Flachdach. Die Führungsschienen erlauben, dass es auch bei Wind unten bleibt, was nachmittags auf offenem Gelände häufig vorkommt.
Ein Fehler, der sich wiederholt: Blackout-Stoff in Westbüros. Er löst die Blendung, erzeugt aber mitten am Arbeitstag Dunkelheit, also wird das Licht eingeschaltet und das Rollo hochgezogen — und man ist wieder am Anfang. Blackout gehört in Schlaf- und Hotelzimmer, nicht in Arbeitsräume.
Nord — keine direkte Sonne, es bleiben Sichtschutz und Optik
Die Nordfassade bekommt den größten Teil des Jahres keine direkte Sonne, nur diffuses Licht. Das ist das beste Licht zum Arbeiten — gleichmäßig, ohne Schatten und ohne Blendung — und es wäre schade, es mit einem schweren Stoff zu verschließen.
Was der Norden verlangt, ist Sichtschutz (besonders im Erdgeschoss und in unteren Etagen), Schutz vor Einblicken am Abend, wenn drinnen das Licht brennt, und optische Einheitlichkeit mit dem Rest des Gebäudes. Hitze ist kein Thema, eine Außenbeschattung ist hier daher meist nicht gerechtfertigt.
- Rollo mit leichterem Dekor- oder Screen-Stoff — ausreichender Sichtschutz, minimaler Lichtverlust.
- Zebra-Rollos — wenn der Raum gemischt genutzt wird und gelegentlich geschlossen werden muss.
- Jalousien — wenn die Optik des Innenraums Vorrang vor der Leistung hat; im Norden besteht keine Gefahr von Ausbleichen und überhitzten Lamellen.
Die einzige Ausnahme sind Nordfassaden mit großen Glasflächen in kalten Klimazonen, wo der Stoff nachts als zusätzliche Wärmeschicht dient — dort ist ein dichterer Stoff sinnvoll, aber aus dem entgegengesetzten Grund wie im Süden.
Tabelle: Fassade, Problem, System
Das ist ein Ausgangspunkt für die Ausschreibung, keine fertige Antwort. Jedes Projekt hat seine Ausnahmen — Nachbargebäude, die Schatten werfen, Bäume, Vordächer — aber als erster Filter spart die Tabelle Zeit.
| Fassade | Hauptproblem | Erste Wahl | Alternative innen |
|---|---|---|---|
| Süd | Hitze, Überhitzung | ZIP-Screen außen; Pergola über der Terrasse | Rollo mit Sun-Screen-Stoff |
| Ost | Morgendliche Blendung | Zebra oder Screen-Rollo innen | ZIP außen, wenn auch Hitze ein Problem ist |
| West | Nachmittägliche Blendung + Hitze | ZIP außen an großen Glasflächen; Zebra innen | Rollo mit dichterem Screen-Stoff |
| Nord | Sichtschutz, Optik | Rollo mit leichtem Stoff; Jalousien | Zebra für gemischte Nutzung |
Kombination aus Außen- und Innenbeschattung
Bei anspruchsvolleren Gebäuden liefert nicht ein System das beste Ergebnis, sondern zwei Schichten: außen gegen die Hitze, innen für Licht und Sichtschutz. Der ZIP-Screen außen senkt die Überhitzung, und das Rollo oder Zebra innen gibt dem Nutzer die Kontrolle, die ein Außensystem nicht bieten kann — sich abends vor Einblicken zu schützen oder einen Projektionsraum zu verdunkeln.
Zwei Schichten bedeuten nicht doppelte Kosten am ganzen Gebäude. Die praktische Regel lautet: Außenbeschattung nur dort, wo Hitze das Problem ist (Süd, eventuell West), Innenbeschattung überall. So wird das teurere System auf einem Drittel der Fassade verbaut, nicht auf der ganzen.
Für den Planer heißt das: Die Ausschreibung wird nach Fassaden geschrieben, nicht nach Raumtypen. Zwei identische Büros, eines im Süden und eines im Norden, bekommen verschiedene Systeme — und das ist richtig, nicht inkonsequent.
Angebot nach Fassaden, nicht nach Katalog
Wir arbeiten ausschließlich mit Gewerbekunden — Planern, Ausführenden und Fachhändlern. Schicken Sie eine Aufmaßliste mit der Ausrichtung der Positionen und Sie erhalten einen Systemvorschlag nach Fassaden, mit Stoffmustern.
Anfrage senden →Was uns der Partner mit der Anfrage für ein ganzes Gebäude schickt
Um Systeme nach Fassaden vorzuschlagen statt eines Rollos für alles, brauchen wir zur Aufmaßliste drei weitere Angaben je Position. Keine davon erfordert einen zusätzlichen Termin vor Ort — alles lässt sich aus den Plänen ablesen:
- Ausrichtung jeder Position — eine Kennzeichnung S / O / W / N neben dem Maß genügt.
- Geschoss und Möglichkeit der Außenmontage — ob die Fassade Führungsschienen und Kasten zulässt und ob ein Zugang für die Montage besteht.
- Raumnutzung — Büro, Besprechungsraum, Hotelzimmer, Restaurant. Dieselbe Westfassade verlangt für einen Saal einen anderen Stoff als für ein Zimmer.
Mit diesen drei Angaben erstellen wir ein Angebot nach Fassaden, mit Stoffmustern für jede Gruppe. Muster gehen kostenlos an Partner — Farbe und Öffnungsgrad eines Screen-Stoffs auf dem Bildschirm und im Licht eines Südfensters sind nicht dasselbe.
Häufige Fragen
Welches Sonnenschutzsystem ist für eine Südfassade am besten?
Ein außenliegendes ZIP-Screen-System, weil es die Sonnenwärme vor dem Glas stoppt. Für Südterrassen und Gärten — eine bioklimatische Pergola. Ein Innenrollo mit Sun-Screen-Stoff ist ein Ersatz, wenn eine Außenmontage nicht möglich ist, löst die Überhitzung aber nicht gleich gut.
Warum hilft eine Pergola oder ein Vordach am Westfenster nicht?
Weil die Nachmittagssonne im Westen tief, fast horizontal einfällt, nicht von oben. Alles, was über dem Fenster sitzt, hält sie nicht auf. West braucht Schutz in der Fensterebene: Zebra oder Screen-Rollo innen, ZIP außen.
Ist Blackout-Stoff für Büros auf der Westseite geeignet?
Nein. Er löst die Blendung, erzeugt aber während der Arbeitszeit völlige Dunkelheit, also wird Kunstlicht eingeschaltet und das Rollo hochgezogen. In Arbeitsräume gehören Screen- und Zebra-Stoffe; Blackout ist für Schlaf- und Hotelzimmer.
Braucht auch eine Nordfassade eine Außenbeschattung?
Meist nicht. Der Norden hat keine direkte Sonne und kein Hitzeproblem, ein Außensystem hätte also nichts aufzuhalten. Im Norden werden leichtere Stoffe für Sichtschutz und Optik gewählt, mit möglichst geringem Verlust an diffusem Licht.
Was muss ich zur Aufmaßliste schicken, um ein Angebot nach Fassaden zu bekommen?
Zum Maß jeder Position: die Ausrichtung (S/O/W/N), das Geschoss mit dem Hinweis, ob eine Außenmontage möglich ist, und die Raumnutzung. Alles lässt sich aus den Plänen ablesen, ohne Termin vor Ort. Auf dieser Grundlage schicken wir ein Angebot nach Fassaden und Stoffmuster.
Fazit
Sonnenschutz ist nicht ein Produkt, sondern die Antwort auf drei verschiedene Probleme — Hitze, Blendung und Sichtschutz — die an einem Gebäude auf verschiedenen Seiten auftreten. Süd braucht Außenbeschattung, Ost und West die Kontrolle tiefer Sonne, Nord nur Sichtschutz und Optik.
Ein Gebäude, bei dem das beachtet wurde, erkennt man an einer Sache: Niemand bemerkt die Rollos. Sie tun ihre Arbeit, die Klimaanlage leidet nicht, die Bildschirme sind lesbar. Und das ist für Planer und Investor das einzige Ergebnis, das zählt.